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7. Februar 2014

Heute Tuzla, morgen…..? Frust in Bosnien entlädt sich in Gewalt

Eingeschlagene  Fensterscheiben, brennende Mülltonnen, Pflastersteine, Tränengas. In ganz Bosnien eskalieren die Proteste, das Gebäude der Regionalregierung in Tuzla wurde von Demonstranten in Brand gesetzt, in Sarajevo stürmten sie Staatspräsidium und Regionalregierung. Bei schweren Zusammenstößen gab es wieder Dutzende Verletzte, vereinzelt wurden auch Journalisten angegriffen. Proteste gab es in mehr als 30 bosnischen Städten. Der bosnische Innenminister sprach von einem „Tsunami“.

Das brennende Gebäude der Regionalregierung in Sarajevo
Das brennende Gebäude der Regionalregierung in Sarajevo

Liveübertragung von Al Jazeera Balkan aus Tuzla, Sarajevo und allen anderen Städten.

In Tuzla sind es Arbeiter stillgelegter Industriebetriebe, die seit Monaten keinen Lohn bekommen haben  und junge Bosnier der Generation Facebook, die auf die Straße gehen. Jeder Zweite in dem Kanton ist ohne Job, mehr als die Hälfte der privatisierten Betriebe (Holz, Chemie) ist stillgelegt. Und die Behörden sind unfähig, daran etwas zu ändern. Der Innenminister des Kantons Tuzla trat zurück.

ORF Nachrichtenmeldung mit Video zu den Protesten

„Diebe, Diebe“ skandieren die Demonstranten in Tuzla, Sarajevo und auch Banja Luka. Die Menschen in dem multiethnischen Balkanland sind sauer: Seit dem Ende des blutigen Bürgerkrieges vor fast 20 Jahren geht nichts vorwärts in Bosnien und Herzegowina, das immer noch geteilt ist: In einen bosnisch-serbischen Teil und die muslimisch-kroatische Föderation.

Gewählt wird entlang ethnischer Grenzen: Serben wählen Serben, Kroaten ihre Landsleute, und muslimische Bosniaken ihre politischen Führer. Jobs bekommen Günstlinge der jeweiligen Ethno-Parteien. Wenn überhaupt. Denn offiziell ist im ganzen Land die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Die Korruption grassiert. Und dringend nötige Reformen ? Fehlanzeige. Die aufgeblähte Verwaltung des komplizierten Staatsgebildes verschlingt Unsummen, in Sarajevo erzählt man sich den Witz: „Wenn man ‚Herr Minister‘ ruft, dreht sich jeder Zweite um“.

Und während Kroatien bereits EU-Mitglied ist, Serbien mittlerweile Beitrittskandidat, hinkt Bosnien und Herzegowina weiter hinterher. Die EU kürzte wegen der Blockadepolitik der bosnischen Entscheider  sogar Millionen-Hilfen. Und kein Licht ist am Ende des Tunnels zu sehen.

Eins eint die Bosnier (Serben, Kroaten und bosniakische Muslime): Sie  sind zutiefst enttäuscht. Auf Facebook deklinieren die Protestierer ihre Stimmung so:

Übersetzung:Facebookbeitrag
Ich schweige
Du schweigst
Er schweigt
Wir schweigen
Ihr schweigt
Sie stehlen

„Sozialproteste in Bosnien gehen in den dritten Tag“ von Ralf Borchard: